Auf dem Lande gibt es neben manchmal leicht verschrobenen Menschen vor allem eines: Viechzeug. Das fängt natürlich an mit dem Nutzvieh – Kühe, Schafe, Schweine, Gänse, Enten, Hühner. Die kann ich hier in situ bewundern. Aber noch viel interessanter sind die Wildtiere, die sich vor allem bei Dämmerung und in den Nachtstunden einfach so herumtreiben, als gehöre der Wald und das Feld – und wenn Du Pech hast – Dein Vorgarten ihnen. Das ist wild romantisch. Na klar.

Eines Abends fuhren meine Liebste und ich mit unserem Auto in Richtung Heimat und sahen ein Tier merkwürdig zusammengerollt auf der Straße liegen. Wir hielten an, wir glaubten es könnte eine angefahrene Katze sein. Aber als wir näher kamen, sahen wir: Ein Iltis liegt auf der Straße. Als Stadtmensch bin ich mit der Vorstellung groß geworden, dass es auf dem Lande immer einen sehr netten Oberförster gibt, der sich um alle armen, geschundenen Waldtiere kümmert, wenn sie mal ein Wehwehchen haben. Die angefahrenen Rehkitze werden gesund gepflegt und tragen dabei ein lustiges Halstuch. Und aus dem Nest gefallene Vögelchen werden ebenso aufgepäppelt wie so ein armer angefahrener Iltis.

Also schlug ich vor, dass wir das arme Tier beim hiesigen Förster, Jagdpächter oder sonst wie zuständigen Menschen abgeben, damit er es fachmännisch gesund pflegen kann. Meine Liebste schaute nur ein wenig verdutzt. Schließlich setzte ich mich aber durch und wir fuhren mit dem Tier in Ermangelung eines willigen Försters zur nächsten Tierklinik mit Nachtsprechstunde – lediglich 20 km entfernt. Sogar der Tierarzt schaute etwas irritiert und wollte das arme Tier am liebsten einschläfern. Aber das ließ ich nicht zu.

Augenscheinlich fehlte dem Iltis nämlich nichts - außer eine kleinen Wunde direkt auf der Stirn. Er hatte anscheinend einen heftigen Schlag bekommen und das hatte seine Nerven gelähmt. Er konnte nur noch völlig starr zusammengerollt daliegen. Wenn der Tierarzt versuchte ihn aufzurollen, kratzte er nur verzweifelt mit einer Pfote, um von dem unangenehmen Menschen weg zu kommen. Aber da es ihn schon wieder zum Kringel zusammen zog, brachte das nicht besonders viel. Da ich also darauf bestand, dass der Iltis behandelt wurde, gab der Tierarzt ihm eine Spritze. Setzte ihn in einen alten Katzenkorb und schickte uns nach Hause. Wir sollten am nächsten Tag wiederkommen, um den Zustand es Iltis beurteilen zu lassen. Also ging es wieder 20 km zurück – diesmal ohne weitere angefahrene Tiere – nach Hause. Dort stellten wir eine große Pappkiste in unsere Garage, polsterten die ein bisschen aus und legten den Iltis hinein. Wegen des fiesen Geruches wollten wir das Vieh dann doch nicht im Hause haben.

Am nächsten Morgen hatte sich am Zustand des Iltis nicht viel geändert. Er lag immer noch zusammengerollt in der Kiste.
Wasser und Katzenfutter, das wir ihm in die Kiste gestellt hatten, schien er nicht angerührt zu haben. Also packte ich den Kleinen in der Mittagspause in den Katzenkorb und fuhr wieder zur Tierklinik. Auch jetzt war wieder der gleiche Arzt im Dienst, der in der letzten Nacht die Schicht geschoben hatte. Und dementsprechend gelaunt begrüßte er mich. Er schaute sich den Iltis näher an und meinte eine kleine Besserung zu bemerken. Er gab ihm wieder ein Spritze in den Nacken und bat, dass ich die nächsten drei Tage täglich morgens und abends wiederkommen sollte. Da ich wirklich keine Zeit hatte, jeden Tag zweimal in die Tierklinik zu fahren, fragte ich den Arzt, ob wir das nicht anders regeln könnten.

Wenn ich es mir zutrauen würde, dem Iltis selbst die Spritze zu verabreichen, könne er mir das Mittel auch mitgeben. Er zögerte sehr mir das vorzuschlagen, anscheinend hoffte er darauf, dass ich doch noch der Endlösung Todesspritze zustimmte. Aber da ich mir prinzipiell alles zutraue und alles, was mir nicht gelingt, garantiert von meiner Liebsten oder meinem Schwiegervater erledigt wird, sah ich keinerlei Schwierig­keiten. Also wurde ich mit mehreren Einwegspritzen für morgens und abends ausgestattet, nochmals instruiert, auf was ich beim Spritze setzen zu achten habe und nach Hause geschickt. Vermutlich dachte sich der Arzt, viel schlimmer könne es für den armen Iltis sowieso nicht mehr werden. Dennoch rang er sich dazu durch, dass ich ihm Bescheid geben sollte, wie es dem Iltis ergangen war.

Wieder daheim angekommen, beratschlagten meine Liebste und ich, dass der arme Iltis sicherlich Durst und Hunger habe. Selber fressen konnte er nach wie vor nicht. Also zweckentfremdeten wir eine große, leere Einwegspritze, füllten sie mit Wasser und träufelten damit dem Iltis etwas in den Mund. Das funktionierte recht gut, zwar lief ihm etwas Wasser aus dem Maul, aber er schien doch zu schlucken. Das ließ uns Hoffnung schöpfen. Wir füllten also auch etwas Katzenpaste in die Spritze und fütterten den Iltis damit. Danach ließen wir ihm wieder seine Ruhe.

Am nächsten Tag wirkte der kleine Kerl schon sehr viel lebhafter. Die Kringelform hatte er aufgegeben, war aber noch ziemlich schlapp. Trotzdem zogen wir lieber unsere Lederjacken und dicke Lederhandschuhe an, bevor wir das Viech aus der Kiste holten. Während meine Liebste den Widerspenstigen festhielt, verabreichte ich ihm seine Medizin. Anschließend fütterten ihn wir wieder mit der Einwegspritze. Das dankte er uns indem er sich erst in der Einwegspritze und dann in meinem Ärmel fest biss und heftig mit den Läufen kratzte. Am Abend wiederholten wir die Prozedur, dabei gebärdete sich der Iltis noch wilder.

Wir beschlossen, dass er inzwischen sicher wieder selber essen und trinken kann und stellten ihm einen Napf in seiner Kiste bereit. Am nächsten Morgen kam ich in die Garage und sah die Bescherung: Die dicke Pappkiste war an der Seite auf genagt, der Iltis hatte die ganze Garage durchwühlt und alle Ecken mit dampfenden Kothaufen markiert. Ich schloss sofort das Garagentor und schaute in jede Ecke, wo sich der Iltis denn versteckt hatte. Aber er war verschwunden.

Erst als ich ihn nirgendwo anders entdecken konnte, kam ich auf die Idee einen Blick in die Pappkiste zu werfen. Und dort lag das Viechzeug und schlief. Als meine Liebste und ich ihm seine Medikamente spritzten, gebärdete er sich höchst ungnädig und biss wieder in meinem Ärmel und wollte partout nicht mehr loslassen. Uns wurde klar, dass der Iltis ein wirkliches Wildtier war, das zeigte sich nicht nur am Gestank. Und mit unserem lieben Kater, der nur mal aus Spaß kratzte und biss, nicht zu vergleichen. Da der Iltis jetzt so einen fitten Eindruck machte, wollten wir ihn lieber auswildern. Mit vereinten Kräften bugsierten wir ihn in die Katzentransportbox und fuhren – natürlich illegal - tief in den Wald neben der Kreisstraße.

Hier irgendwo musste ja das Revier des Iltis sein.  Wir hofften, dass er bei der nächsten Straßenüberquerung besser aufpasste. Stellten die Transportkiste auf eine Lichtung, öffneten sie und entfernten uns einige Meter. Solange wir davor saßen, würde der Iltis sicher nicht heraus kommen. Er hatte sich in die hinterste Ecke des Transportkorbs geflüchtet und guckte misstrauisch, was ihm jetzt bevorstand. Aber nach einigen Minuten begriff er, dass er nur ein paar Schritte in die Freiheit tun musste. Er schnupperte, wieselte ein paar Meter nach rechts, drehte eine  kleine Runde um den Korb und verschwand schließlich im Unterholz.

Wir wünschten dem Kleinen, dass er sein Leben ohne Unfälle verbringen konnte. Manchmal frage ich mich, wie der Iltis diese Episode erlebt hat. Ob er auf irgendeine Weise überhaupt verstanden hat, dass wir ihm geholfen haben. Obwohl die erzwungene Nähe zu uns Menschen, die Spritzen, das Eingesperrt sein für ihn ziemlich bedrohlich gewesen sein muss. Aber letztendlich blieb uns nichts weiter übrig als den Iltis ziehen zu lassen und ihm alles Gute zu wünschen. Den Fortgang und das Ende seiner Geschichte werden wir nie erfahren. Immerhin – auf der Straße haben wir ihn nicht mehr getroffen und auch keinen anderen seiner Artgenossen.